Nachweise von MRSA und ESBL-bildenden Bakterien in tierischen Lebensmitteln sind keine Einzelfälle

München (agrartotal/ABOPR) - Erst im Januar 2015 wurden in einer Studie des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) auf 88 Prozent der bei Discountern gekauften Putenfleisch-Proben multiresistente Erreger (MRE) festgestellt. Doch nicht nur konventionell produzierte Ware ist betroffen: Eine aktuelle Untersuchung des norddeutschen Labors LADR GmbH Medizinisches Versorgungszentrum Dr. Kramer und Kollegen ergab, dass auch 20 Prozent des Bio-Putenfleisches belastet sind. Bei diesen Proben wurden Antibiogramme zur genauen Resistenzbestimmung der Keime durchgeführt, ein Verfahren aus der Humanmedizin, das für Lebensmittel deutschlandweit nur in sehr wenigen Laboren vorgenommen werden kann. Nachdem immer häufiger über belastete Lebensmittel berichtet wird, ist die Zahl der angeforderten Tests für tierische Produkte bei LADR seit 2014 bereits deutlich gestiegen. Doch diese Analysen erhöhen den Schutz der Verbraucher nur unwesentlich, vor allem da der Antibiotikaeinsatz in der Tierproduktion nach wie vor hoch ist und mit resistenten Keimen belastete Ware nicht aus dem Verkehr gezogen wird. Um die Keimbelastung, das Kreuzkontaminationsrisiko und damit die Infektionsgefahr durch Lebensmittel zu minimieren, sollten die Konsumenten bei tierischen Produkten daher alle Hygieneregeln strikt einhalten.

„Wir konnten in Schweine-, Rind-, und Geflügelfleischproben sowie in Rohwurst, beispielsweise Salami, sowohl Methicillin-resistente Staphylococcus aureus-Stämme (MRSA), als auch Bakterien feststellen, die β-Laktamasen mit erweitertem Wirkungsbereich (ESBL) bilden. Die Belastungsrate liegt in der Regel zwischen 15 und 25 Prozent“, erklärt Dr. Burkhard Schütze, Leiter des Bereichs Lebensmittelanalytik bei der LADR GmbH in Geesthacht bei Hamburg. „Zwischen Produkten aus konventioneller und ökologischer Tierhaltung gibt es dabei keine wesentlichen Unterschiede.“ Dies zeigen auch aktuelle Daten zu Untersuchungen an Putenfleisch, das zu 20 Prozent mit MRE belastet war. Zusätzlich zu einem ESBL-Screening-Test führt LADR auf Kundenwunsch eine Bestätigungsanalyse mittels Antibiogramm durch, ein Verfahren, das auch in der medizinischen Bakteriologie zur genauen Bestimmung von Antibiotikaresistenzen verwendet wird.

Überprüfung von durchschnittlich 16 Antibiotika

 

„Antibiogramme werden meist in der Humanmedizin angefordert, wenn der behandelnde Arzt bei einem Patienten den Verdacht auf eine Infektion hat, die gegebenenfalls mit einem Antibiotikum therapiert werden muss. Sie werden erstellt, um den Medizinern individuelle Therapiemöglichkeiten für den betroffenen Patienten zu eröffnen“, erläutert Prof. Dr. Ingo Sobottka, Leiter der Bereiche Mikrobiologie, Infektionsserologie und Parasitologie im LADR-Zentrallabor Geesthacht. Bei besonders empfindlichen Erregern wie Streptokokken werden Antibiogramme mittels Agardiffusionsverfahren (AD) auf festen Nährböden erstellt, bei leicht kultivierbaren Keimen wie zum Beispiel Escherichia coli mittels Mikrodilutionsverfahren (MD) in einem flüssigen Nährmedium. LADR überprüft dabei pro Erreger durchschnittlich 16 verschiedene Antibiotika hinsichtlich ihrer Wirksamkeit.

Diese Resistenztestungen liefern Aussagen darüber, welche Antibiotika bei welchem Erreger therapeutisch eingesetzt werden können und ob ein multiresistenter Keim vorliegt. „Gibt es zum Beispiel bei einem Staphylococcus aureus eine Resistenz gegenüber Oxacillin, kann dieses Antibiotikum zur Behandlung der Infektion nicht verwendet werden. Damit zählt der untersuchte Keim außerdem zu den MRSA“, erklärt Sobottka. Bei Erregern aus Lebensmitteln erfolgt die Resistenzbestimmung auf die gleiche Weise.

Steigende Nachfrage nach Tests auf MRE

„Wir haben 2014 bei insgesamt 122.576 isolierten Erregern in unterschiedlichsten Materialien circa 87.000 Resistenztestungen durchgeführt, 45.000 davon im Bereich Humanmedizin auf MRE. Das waren 10 Prozent mehr untersuchte Proben als noch 2013“, so Sobottka. Der deutlichste Anstieg ist jedoch bei den Lebensmitteln zu verzeichnen, obwohl Screenings generell häufiger nachgefragt werden als der Einsatz des Bestätigungsverfahrens: „Wir hatten in den ersten beiden Monaten dieses Jahres bereits doppelt so viele Untersuchungen durchzuführen wie im gesamten Vorjahr 2014“, so Schütze. Noch deutlicher ist der Anstieg bei ESBL-bildenden Bakterien. „Hier wurden in den Vorjahren nur vereinzelt Analysen nachgefragt, bis Ende Februar 2015 haben wir bereits 200 Untersuchungen durchgeführt.“

Schütze führt diesen Anstieg auf die vermehrte Berichterstattung in den Medien zurück, durch die das Problembewusstsein vor allem im Lebensmittelhandel gestiegen ist. Da es keine rechtlichen Regelungen zum Nachweis von multiresistenten Keimen gibt, liegt das Vorgehen hinsichtlich der Untersuchungen in der Eigenverantwortung der Unternehmen. Positiv auf MRE getestete Lebensmittel müssen beispielsweise nicht aus dem Verkehr gezogen werden. „Konkret für die Verbraucher bewirken die Analysen also nicht viel. Die Händler geben die Ergebnisse lediglich an die Erzeuger weiter. Das geschieht vermutlich in der Hoffnung, dass der Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung reduziert wird“, so Schütze. Dieser ist nach wie vor sehr hoch und wird als einer der wichtigsten Faktoren für die Entstehung und Verbreitung von MRE angesehen. Auch die ökologische Tierhaltung ist dabei nicht ausgenommen, da Antibiotika hier ebenfalls erlaubt sind. 

Maßnahmen in der Nutztierhaltung

Dementsprechend müsste in diesen Bereichen angesetzt werden, um die Keimbelastung zu reduzieren: „Es ist davon auszugehen, dass durch einen zurückhaltenden Einsatz antimikrobiell wirksamer Tierarzneimittel der Selektionsdruck in Richtung resistenter Erreger vermindert werden könnte. Hier hat auch der Gesetzgeber Strategien entwickelt“, erläutert der Leiter des Lebensmittellabors weiter.

„Es ist natürlich trotzdem vernünftig, das Ausmaß resistenter Keime in Lebensmitteln zu kennen. Antibiogramme als Bestätigungstests beziehungsweise zur Bestimmung der Resistenzen sollten vor allem dann durchgeführt werden, wenn ein Screening-Test bereits positiv ausgefallen ist.“ Das Verfahren ist auch dann sinnvoll, wenn es darum geht, ein Vorliegen von MRE auszuschließen.

Gefahren für die Verbraucher

„Für Gesunde stellen multiresistente Erreger höchstwahrscheinlich keine besondere Gefahr dar“, erklärt Humanmediziner Sobottka. In den meisten Fällen werden sie etwa die Besiedlung mit ESBL- und/oder AmpC-bildenden Bakterien aus Lebensmitteln oder anderen Quellen nicht einmal bemerken, da viele dieser Bakterien harmlose Darmbewohner sind. Es gibt unter ihnen allerdings Keime, die beim Menschen Erkrankungen verursachen können, zum Beispiel Salmonellen, Klebsiellen oder enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC). LADR hat 2014 bei etwa 7.000 Patienten derartige MRE nachgewiesen. „Genaue Zahlen zu ihrer Häufigkeit in Deutschland gibt es nicht. Man kann aber sagen, dass circa 12 Prozent der Staphylococcus aureus-, 6 Prozent der Escherichia coli- und 8 Prozent der Klebsiella pneumoniae-Isolate bei ambulanten Patienten als multiresistent bezeichnet werden können“, erläutert Sobottka.

Die Erreger führen insbesondere bei Risikogruppen wie Kleinkindern, Schwangeren, älteren Menschen und Personen mit geschwächter Immunabwehr zu Erkrankungen wie Wund- und Atemwegsinfektionen. Müssen diese antibiotisch behandelt werden, können MRE den Behandlungserfolg durch ihre Resistenz erschweren. „Die Erkrankung kann länger dauern und schwerer verlaufen, so dass Krankenhausaufenthalte notwendig werden und dauerhafte gesundheitliche Schäden auftreten können. Im schlimmsten Fall kann die Erkrankung zum Tod führen“, erklärt Schütze. Daher sollten sich gerade besonders gefährdete Personen darum bemühen, wichtige Hygienemaßnahmen einzuhalten. Nach einem Kontakt mit Tieren, auch Haustieren, ist es beispielsweise unbedingt notwendig, die Hände mit warmem Wasser und Seife zu waschen.

Maßnahmen der Küchenhygiene

Da rohe, vom Tier stammende Lebensmittel – auch wenn es sich um Bio-Produkte handelt – besonders häufig mit Krankheitserregern belastet sind, sollten Menschen, die einer Risikogruppe angehören, die folgenden Lebensmittel meiden: rohes Hackfleisch beziehungsweise Hackepeter, Rohwurst – und zwar insbesondere streichfähige, kurz gereifte Sorten wie Zwiebelmettwurst –, Rohmilch und Rohmilchkäse, roher Fisch und rohe Meerestiere wie Sushi und Austern, Räucher- und Graved Lachs sowie rohe pflanzliche Lebensmittel, beispielsweise Sprossen.

Wenn die Verbraucher darüber hinaus die Regeln der Küchenhygiene beachten, bleibt die Gefahr, über Lebensmittel eine Infektion mit antibiotikaresistenten Erregern zu erwerben, eher gering. „Zu diesen simplen, aber sehr wichtigen Regeln gehört beispielsweise, dass Rohkost wie Salate, Gemüse und Obst vor dem Verzehr gründlich mit Trinkwasser gewaschen oder – im Fall von Obst und Gemüse – geschält wird“, erklärt Schütze. Auch der direkte oder indirekte Kontakt von rohem Fleisch und rohen Eiern mit Rohkost und verzehrfertigen Speisen, die später nicht mehr erhitzt werden, sollte vermieden werden. „Die Gefahr von Kreuzkontaminationen ist sonst sehr hoch“, so der Experte. „Die Übertragung kann auch über Arbeitsflächen, Messer und andere Küchengeräte sowie die Hände stattfinden, wenn diese nach dem Kontakt mit Risiko-Lebensmitteln nicht ausreichend gereinigt werden.“ Außerdem sollten Temperaturfehler, wie ein ungenügendes Erhitzen von Speisen oder ein langes Warmhalten bei zu niedrigen Temperaturen vermieden werden, um die Keimbelastung so gering wie möglich zu halten.

 

Antibiotikaresistente Keime

Antibiotikaresistente Keime sind nicht nur in der Veterinär- und der Humanmedizin ein Problem. Sie können zudem auf Lebensmitteln vorkommen. Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) und ESBL-/AmpC-bildende Bakterienstämme sind hier von besonderer Bedeutung.

Methicillin-resistente Staphylococcus. aureus (MRSA)

MRSA besiedeln die Haut und die Schleimhäute von Menschen sowie von vielen Haus- und Nutztieren. Sie können zu schwerwiegenden Wund- und Atemwegsinfektionen bis hin zur Blutvergiftung führen. Ein besonderes Kennzeichen von MRSA ist ihre Unempfindlichkeit (Resistenz) gegenüber einer großen Gruppe von Antibiotika, zu denen die Penicilline und die Cephalosporine gehören. Durch diese Resistenz sind Infektionen mit den Keimen nur schwer zu therapieren. Ihr Name leitet sich von der Testsubstanz Methicillin ab, anhand derer die Resistenz der Bakterien in der Vergangenheit festgestellt wurde. 

MRSA sind in Krankenhäusern seit Jahrzehnten gefürchtete Erreger so genannter Hospitalismusinfektionen und werden dort entsprechend ihres Auftretens HA (Hospital-Acquired)-MRSA genannt. Doch auch außerhalb von Krankenhäusern werden sie vermehrt nachgewiesen und in diesen Fällen als  LA (Lifestock-Associated)-MRSA  bezeichnet. In circa 50 Prozent der Schweinemastanlagen sind die Tiere nasal mit  LA-MRSA besiedelt. 80 Prozent der Landwirte und Tierärzte, die in diesen Anlagen arbeiten, haben ebenfalls eine nasale Besiedlung mit LA-MRSA. Diese Erreger verursachen allerdings selten schwer zu behandelnde Infektionen beim Menschen. Das Risiko einer Übertragung von MRSA über Lebensmittel wird derzeit als gering eingeschätzt.

ESBL-/AmpC-bildende Bakterienstämme

ESBL-bildende Bakterien können Penicilline und Cephalosporine durch Enzyme, so genannte extended spectrum beta lactamases (beta-Laktamasen mit erweitertem Wirkungsbereich) zerstören. Cephalosporine der dritten und vierten Generation sind wichtig für die Therapie zahlreicher Infektionen. Daher schränken diese Resistenzen die Therapiemöglichkeiten bei einer Infektion erheblich ein.

Das Risiko einer Kolonisation und Infektion des Menschen über Lebensmittel hängt auch von der Erregermenge im Lebensmittel ab. Zur Erregermenge trägt bei, ob sich der Erreger in dem Lebensmittel vermehren kann. Ein weiterer Faktor sind die Hygienebedingungen, unter denen Lebensmittel zubereitet werden. Bisherige Erkenntnisse legen nahe, dass Tiere als Quelle für ESBL-bildende Keime beziehungsweise die Resistenzgene eine Rolle spielen. Gleiche Resistenzgene kommen bei allen Nutztiergruppen vor, nicht nur bei Geflügel. Derzeit kann jedoch beispielweise die überwiegende Mehrzahl der Besiedelungen des Menschen mit ESBL-bildenden E. coli nicht direkt über die Exposition aus der Tierhaltung und über lebensmittelliefernde Tiere erklärt werden.

Die Laborärztliche Arbeitsgemeinschaft für Diagnostik und Rationalisierung (LADR) ist einer der größten und leistungsstärksten Zusammenschlüsse medizinischer Laboratorien Europas und für mehr als 20.000 niedergelassene Ärzte und über 200 Kliniken labormedizinischer Partner. Der Firmensitz ist in Geesthacht (südöstlich von Hamburg), deutschlandweit gibt es 14 weitere Standorte. Das Labor in Geesthacht wurde 1945 gegründet und ist das älteste inhabergeführte Privatlabor Deutschlands. Neben den labormedizinischen Schwerpunkten der heutigen LADR GmbH Medizinisches Versorgungszentrum Dr. Kramer und Kollegen wird außerhalb der Medizin von den Abteilungen Hygiene-, Wasser-, Umwelt- und Lebensmittelanalytik ein umfangreiches naturwissenschaftliches Spektrum angeboten. Die Spezial-Abteilung der Lebensmittelanalytik arbeitet in der Regel im Auftrag von Lebensmittelunternehmen für die externe Qualitätskontrolle und nimmt somit Aufgaben für den gesundheitlichen Verbraucherschutz wahr. Zudem besteht die Möglichkeit, Keimidentifizierungen mittels modernster Methoden wie beispielsweise DNA-Sequenzierungen oder MALDI-TOF durchführen zu lassen. Das Lebensmittelanalytik-Labor hat die Zulassung nach § 44 Infektionsschutzgesetz zum Umgang mit pathogenen Keimen und ist nach DIN EN ISO/IEC 17025:2005-akkreditiert.  

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