Lettland: Der „Lidl-Pfad“ und die Zukunft des lettischen LEH

Lettland / Hagen Fricke - Das System des „Lidl-Pfades“ ist nicht nur auf Grund der Streckenführung für Außenstehende sehr undurchsichtig, selbst für sogenannte Insider ist er nur schwer zu durchschauen. Aber auch die „Transportware“, die über den „Lidl-Pfad“ transportiert wird, kann sich - je nach Tour - ganz wesentlich voneinander unterscheiden.

In der Vergangenheit waren es meistens Frauen, der mittleren und älteren Jahrgänge, die sich in den, teilweise recht überholungsbedürftigen, Autos, seit der Staatswerdung Latvias 1991,  auf den Weg von Lettland, in die vornehmlich westdeutschen Privataushalte, zwecks Altenbetreuung, machten und teilweise – mit sinkender Tendenz - auch heute noch machen.

Die Errungenschaften der Discounter ...

In der Gegenrichtung befindet sich dann die gleiche Klientel im Wagen, welches sich nach einigen Monaten Auslandseinsatz auf dem Rückweg nach Lettland befindet. Wenn dann allerdings die Altautos auf dem Weg in Richtung Heimat auf dem „Lidl-Pfad“ unterwegs sind, gehört es einfach dazu, nämlich dass sich Koffer und Kisten mit den „Errungenschaften“ von Lidl, Aldi, Rossmann, C&A und Co., in den jeweiligen Kofferräumen der Autos stapeln.

Fahren die lettischen „Personen-Expresse“ von Lettland aus mit relativ geringem Gepäck quer durch Deutschland, um die Ware Mensch bis vor die gewünschten Türen zu transportieren,  so besteht der Inhalt, der auf dem Rückweg transportierten Koffer aus Kaffee, Textilien und vor allen Dingen Waschmittel und Schokoladenprodukten.

Immer mehr lettische Frauen bleiben inzwischen jedoch wieder zu Hause, da sich viele deutsche Familien eine „Lettin“ für die deutsche Oma nicht mehr leisten können. Aber gerade diese Personengruppe haben sich in den letzten Jahren an ihren original „Kaffee west“, oder das deutsche Markenwaschmittel usw. gewöhnt und wollen diese Produkte nicht mehr missen! Sie ziehen die deutschen Produkte den heimischen und erst recht den namensgleichen, aber nicht in Deutschland produzierten, Produkten vor. Viele Letten hamstern und horten regelrecht westdeutsche Produkt, zumal diese inzwischen zu einem Statussymbol eines lettischen Haushaltes geworden sind.

Riesige Nachfrage nach ...

Im Laufe der Jahre ist somit - speziell in Lettland - ein großer Nachfragemarkt – an original deutschen Produkten - entstanden. Da bis zum heutigen Tage aber weder in der Hauptstadt Riga, geschweige denn auf dem platten Land, ein westdeutscher Discounter seine Ladentüren mit westdeutschen Produkten geöffnet hat, bleibt den Letten derzeit nur der „Lidl-Pfad“ als einziger Ausweg!

Nach einem ersten Versuch hat sich Lidl aus Latvia wieder zurückgezogen. Nun soll ein erneuter Versuch gestartet werden.

Dass sich bislang kein westdeutscher Discounter für die lettischen Verbraucher interessierte, bzw. durchgesetzt hat, verwundert! Die Verbraucherpreise in lettischen Supermärkten sind, gemessen am realen Einkommen der lettischen Bevölkerung, hoch. Aus der Sicht des lettischen Lebensmitteleinzelhandels (LEH) kommt erfreulicherweise noch hinzu, dass selbst dann, was meistens der Fall ist, mehrere namentlich unterschliche Anbieter des LEH am Ort präsent sind, sich die Preise in den Regalen nicht wesentlich unterscheiden, bzw. sich wöchentlich – von Anbieter zu Anbieter – im Regal umschichtig abwechseln. Ein Schelm, der Böses dabei denkt!

Es gibt keine "Discounter-Kultur" in Latvia ...

Die Hauptstadt Riga muss man hier, als Zentrum des Baltikums, halbherzig ausnehmen. Riga ist kein Maßstab, kein Spiegelbild für das übrige Lettland! Auf dem flachen Land findet man, je nach Einwohnerzahl, zwei bis drei Supermärkte in einer Gemeinde. In Städten und größeren Gemeinden, durchaus auch mal mehr. Diese halten jedoch alle ein recht identisches Produktsortiment vor und liegen alle im oberen Preisbereich.

Einen Discounter, wie einst in Deutschland mit seinen Aldi‘s oder dergleichen, gibt es in Lettland derzeit noch nicht. Von einer, unter westeuropäischen Gesichtspunkten, klassischen Wettbewerbssituation, wie z.B. in Deutschland, innerhalb des lettischen LEH, kann somit nur schwerlich die Rede sein.

Inhalte und Qualitäten von West- und Ostwaren sind - bei gleichem Namen - nicht identisch ...

Nachdem in den letzten Monaten bekannt wurde, was allerdings viele Letten schon vorher behauptet hatten, nämlich dass manche “Westprodukte“, die in osteuropäischen Ländern angeboten werden, nicht den bekannten westlichen Qualitäts- und Inhaltsstandards entsprechen, ist der Unmut der Verbraucher über die „deutschen Markenprodukte“ in den lettischen Regalen noch größer geworden. Die Behauptung einiger westdeutscher Produzenten, nämlich dass die Qualitätsunterschiede aufgrund des unterschiedlichen osteuropäischen Geschmackes zustande gekommen seien, wird von den Verbrauchern als Beleidigung und bewusste Verdummung, empfunden. 

Alles, was bei Lidl, Aldi und Co. im Regal, bzw. als Sonderangebot, feilgeboten wird, wird Tage, manchmal auch nur Stunden, später auch auf dem lettischen Graumarkt zu kaufen sein...

Da sich in den Regalen der Einkaufstempel - trotz mancher Proteste – aber nichts zu ändern scheint, wenden sich viele lettische Verbraucher einem Vertriebsweg zu, den es auch in den letzten Jahren zwar schon immer gab, der in den letzten Monaten jedoch eine erneute Blütezeit erlebt!

Wenn der Lidl nicht zu uns kommt, dann ...

Getreu dem etwas abgewandelten ostdeutschen, aber bekannten Spruch, … wenn die Discounter nicht zu uns kommen, dann kommen wir eben zu den Discountern …, erfreut sich in Lettland ein Geschäftsmodel – der „Lidl-Pfad“ - äußerster Beliebtheit.

Spätestens eine Woche, bevor die Renten und Gehälter in Latvia ausgezahlt werden, zwischendurch natürlich auch, setzt sich in Lettland eine immer größer werdende Karawane von Kleintransportern, VW Bussen usw., in Richtung Westen in Bewegung. Ziel ist meistens Frankfurt an der Oder, da hier, direkt hinter der polnischen Grenze, deutsche Supermärkte alles das anbieten, wonach der lettische Verbraucher begehrt. Weiter, nach Berlin hinein, können die Wagen meistens nicht fahren, da ihnen die entsprechenden Umweltplaketten fehlen.

Originale Lebensmittel und Hygieneartikel ...

Alles, was bei Lidl, Aldi und Co. im Regal, bzw. als Sonderangebot, feilgeboten wird, wird Tage, manchmal auch nur Stunden, später auch auf dem lettischen Graumarkt zu kaufen sein. Wobei, die Transporteure kaufen nicht ins Blaue hinein ein, sondern verfügen über lange Bestelllisten ihrer lettischen Kunden. Ganz oben auf der Einkaufsliste stehen dabei allerdings nicht mehr die Aldi-Rasenmäher, oder die Babywäsche, was einstmals wohl der Fall war, sondern heute handelt es sich um westdeutschen Kaffee, den Delikatessen aus Aldi- und Lidl-Regalen und immer wieder Waschmittel, wie auch Hygieneartikel der Markenartikelindustrie.

Die Preise, die der Endverbraucher in Lettland dafür zahlt, sind recht saftig und liegen teilweise bis zu 100 % über dem deutschen Einkaufspreis. Da die Verbraucher aber die deutschen Laden-Verkaufspreise - dank der discountereigenen Internet-Newsletter - kennen, fühlen sie sich dabei nicht einmal über den Tisch gezogen und zahlen sogar gerne den geforderten Preis. Nach ihrer Auffassung erscheint ihnen dies als die einzige Möglichkeit, wirkliche Qualitätsprodukte zu erhalten und so - nach ihrer Auffassung - den „gefälschten“, in Osteuropa abgefüllten und inhaltlich veränderten, angeblichen westdeutschen „Markenprodukten“ zu entgehen.

Die Koffer sind voll ...

Ob, und wie lange dieses Geschäft über den „Lidl-Pfad“ noch laufen wird, ist völlig ungewiss. Solange es noch Familien in Deutschland gibt, die ihre Angehörigen durch billige lettische Arbeitskräfte pflegen lassen, werden die Koffer auf dem Rücktransport weiterhin mit den begehrten deutschen Markenartikeln vollgestopft.

Der ausschließliche Transport deutscher Discounter Ware nach Lettland wird erst dann aufhören, wenn sich ein flächendeckendes Netz, zu mindestens eines deutschen Discounters, über Lettland ausbreitet. Wann dies der Fall sein wird, ist derzeit völlig offen. Von deutscher Seite aus besteht keinerlei Notwendigkeit, den „Lidl-Pfad“ zu schließen. Der lettische Fiskus dürfte jedoch ein größeres Interesse daran haben.

Was sich für den lettischen Verbraucher als Wohltat herausstellen dürfte, nämlich die Etablierung eines westdeutschen Discountersystems, dürfte in anderen lettischen Wirtschaftsbereichen jedoch zu erheblichen Problemen führen.

Braucht lettlands LEH mehr Transparenz ..? 

Das anscheinend - zumindest nicht transparente - Wettbewerbssystem des lettischen LEH garantiert der lettischen Landwirtschaft, zu mindesten auf dem Inlandsmarkt, ein relativ hohes Preisniveau. Dieses wäre, speziell bei transportfähiger Ware, wie Eier, Fleisch und einem sehr großen Teil der Milchprodukte, aber auch bei Gemüse ect. dann nicht mehr gegeben. Das gleiche würde aber auch auf die unzähligen lettischen Landwirte zutreffen, die einen Großteil ihrer Produktion, wie Geflügel, Eier, Honig und vor allen Dingen Gemüse, Kartoffeln, Gewürze, Blumen - bis hin zur selbst gemachten Butter, Schnaps und Marmelade - direkt als Selbstvermarkter nicht nur auf den Wochenmärkten, sondern täglich, verkaufen.

Die Preise eines Discounters in Lettland, selbst wenn sie nicht das westdeutsche Tiefniveau erreichten, würden bei den sparsamen Letten zu einem Strukturbruch im Lebensmitteleinzelhandel führen. Nur wenige, aber in Lettland gut platzierte, Discounter, einer bekannten deutschen Kette, würde das derzeit in Lettland praktizierte System des lettischen LEH, wahrscheinlich binnen kürzester Zeit, vom Markt hinwegfegen.  

Man sollte vorher wissen, was man tut ... 

So sehr es - aus der Sicht der lettischen Verbraucher - zu begrüßen wäre, wenn ein deutscher Discounter (noch besser wären zwei) die Marktchancen auf dem lettischen Lebensmittelmarkt erkennen würden und hier investierte, so könnte dieses, gerade in einem kleinen Land mit nicht einmal zwei Millionen Einwohnern, wie Lettland, zu einem wirtschaftlichen Desaster führen.

Wie lange könnten sich die Märkte halten? Sollte es zu einem flächendeckenden Discounter Netz in Lettland kommen, so müssten Hunderte von kleinen Lebensmitteleinzelhändlern über kurz oder lang ihre Türen schließen.

Sollte es zu einem flächendeckenden Discounter Netz in Lettland kommen, so müssten Hunderte von kleinen Lebensmitteleinzelhändlern über kurz oder lang ihre Türen schließen. Dies würde auch für die vielen Filialbetriebe gelten, die gerade in den kleinen Gemeinden vorhanden sind und für die Komplettversorgung der dortigen Bevölkerung zuständig sind.

Das Sterben der kleinen Läden und Existenzen ...

In kürzester Zeit würde sich in Lettland das wiederholen, was Deutschland schon lange hinter sich hat: Beim Eintreffen der Discounter würde das Sterben der „Tante Emma“ Läden auf dem Land beginnen. Zurück in den Dörfern bliebe eine Bevölkerung, die zehn und mehr Kilometer zum nächsten Einkaufsladen fahren müsste.

Darüber hinaus besteht zu befürchten, dass alle die Frauen, wie derzeit in den unzähligen kleinen Einzelhandelsgeschäften auf dem Dorf, wie aber auch in den Städten, arbeiten und selbst wenn auch nur ein kleines, aber zu mindestens überhaupt ein Einkommen, erwirtschaften, ohne Zukunftsperspektive arbeitslos würden.

Die Lösung sollte von innen kommen ...

Für Lettland - und seine Bevölkerung - wäre es daher weitaus günstiger und nachhaltiger, wenn sich innerhalb des derzeit bestehenden Lebensmitteleinzelhandels, eine echte und für den Verbraucher sichtbare und somit transparente, Wettbewerbssituation, was die Preise und Produkte betrifft, herauskristallisieren würde.

Die Etablierung eines großen deutschen Lebensmitteldiscounters würde aller Wahrscheinlichkeit in kürzerer Zeit innerhalb des lettischen LEH zu immensen Verwerfungen führen. Diese würden voraussichtlich auf die gesamte lettische Volkswirtschaft übergreifend, was weder im Interesse der lettischen Verbraucher, noch der lettischen Arbeitnehmer und schon gar nicht im Sinne des lettischen Staates liegen dürfte.

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