Magisch?: Lettische Zebrastreifen

fr - Rein äußerlich unterscheiden sich die Zebrastreifen in Lettland wohl kaum von ihren Artgenossen in Europa und auch nicht weltweit. Trotzdem scheinen sie in Lettland magisch – und sogar, wie sich herausstellen wird, der Zeit sehr weit voraus - zu sein.

Kaum, dass ein Autofahrer in Latvia einen Zebrastreifen erblickt, stellt er sich auf das abrupte Abbremsen ein. Und tatsächlich, selbst dann, wenn sich das eventuelle Objekt, welches den Zebrastreifen benutzen könnte oder gar will, also die Straße überqueren möchte, sich noch in sicherem Abstand zum entscheidenden Bordstein befindet, tritt der lettische Autofahrer schon einmal reflexmäßig aus Sicherheitsgründen auf die Bremse - im übrigen Europa, wohl mehr als ein Novum.

Speziell in Deutschland, aber auch in England und anderen Staaten, stellt ein Zebrastreifen für die „außerlettischen“ Autofahrer ausschließlich nur eine lästige farbige Unterbrechung des eintönigen Straßenbelages dar. Eigentlich eignen sich europäische Zebrastreifen – aus Sicht der Autofahrer - nur dazu, Omas, Jugendliche und junge Frau mit Kinderwagen, durch das aufheulen des Motors dazu zu veranlassen, angesichts einer heranbrausenden Autostoßstange, schneller über die Straße zu gehen, als von diesen ursprünglich beabsichtigt.

In Lettland ist das völlig anders. Fußgänger mustern höchstens von weitem, in einem scharfen rechtwinkligen Blick durch die rechten und linken Augenhöhlen, die Verkehrslage, um dann jedoch, ohne zu zögern, und auch ohne weiter nach rechts, oder gar nach links zu schauen, auf den Zebrastreifen zu treten.

Lettische Autofahrer kennen dieses Procedere und bremsen daher schon von weitem ab, um ihre zu Fuß gehenden Mitmenschen geruhsam, in keinster Weise in Eile, die Straße überqueren zu lassen. Sind auch lettische Autofahrer alles andere als Musterschüler im Straßenverkehr, so scheinen sie doch vor Zebrastreifen eine panische, fast schon manische, Angst und vor allen Dingen auch Ehrfurcht und Respekt, zu haben.

Dieses Verhalten kann man nicht nur in den Kleinstädten Lettlands bewundern, sondern ist auch in den unzähligen kleinen Dörfern mit einem, manchmal sogar zwei, Zebrastreifen und auf dem platten Land Lettlands, wovon Lettland ja nun wahrlich genug hat, zu bewundern.

In Riga ist das natürlich wieder anders, da fahren keine Letten Auto, sondern Großstädter, Balten, Litauer, Estland, Polen oder sonstige Verkehrsteilnehmer. Auf alle Fälle kann man sich in Riga auf vieles verlassen, aber auf keinen Fall auf das sichere überqueren eines Zebrastreifen! „In Riga gilt die Regel, wie in allen anderen europäischen und weltweiten Großstädten auch, besonders beim Überqueren eines Zebrastreifens, möglichst beide Arme gestreckt nach oben zu halten, damit im Falle aller Fälle, das Personal im Krankenhaus, nicht immer gezwungen ist, beim Eingipsen das ganz Oberhemd zu zerschneiden.“

Im übrigen Lettland führt allerdings das grenzenlose Vertrauen der Fußgänger in ihren Zebrastreifen und somit in ihre autofahrenden Mitbürger, auch zu schwierigen Situationen.

So raufen sich deutsche, wie anderen europäischen Autofahrer auch, im lettischen Straßenverkehr des Öfteren die manchmal letzten Haare, nämlich dann, wenn vor dem Kühlergrill ihres Wagens bei flotten 50 km/h - nach ihrer Auffassung urplötzlich - eine ältere Dame, ohne nach rechts und links zuschauen und auch ohne am Bordstein vorher stehenzubleiben zu sein, behäbigen Schrittes, auf dem Zebrastreifen auftaucht. Quietschende Reifen vor Zebrastreifen, wie auch dunkel gefärbte Bremsspuren an diesen Orten, lassen in der Regel darauf schließen, dass hier Ausländer unterwegs sind bzw. waren.

Auf der anderen Seite besteht oftmals für ausländische Fußgänger immer wieder ein unfreiwilliger Zwang, einen Zebrastreifen zu benutzen, obwohl man dies eigentlich gar nicht wollte.

Spätestens dann, wenn man sich einen Zebrastreifen nähert, sich aber noch in sicherer Entfernung von diesem befindet, sagen wir mal zwei Meter und mehr, stockt bereits der Verkehr in beiden Richtungen, da alle Autofahrer, die den Fußgänger und den Zebrastreifen selbstverständlich bemerkten, den Bremsvorgang eingeleitet haben. Um nun als Ausländer nicht als völliger Depp dazustehen, sieht man sich gezwungen, diesen dann auch, freundlich nach rechts und links lächelnd, zu benutzen. Sollte man dieses dann mit schnellem und eiligem Schritt erledigen, weiß spätestens dann jeder lettische Autofahrer, dass der- oder diejenige, der gerade den Zebrastreifen überquert, mit Sicherheit aus dem Ausland stammt.

Da Lettland über unzählige Zebrastreifen verfügt, kann man den Zebrastreifen, wie aber auch den damit verbundenen bremsenden Autofahrern, kaum entgehen. Das Phänomen der freundlichen lettischen Autofahrer, zu mindestens am Zebrastreifen, wird aber hoffentlich weiter bestehen bleiben. Einen Vorteil hat das Ganze nämlich auch: Lettlands Autofahrer sind ihrer Zeit – digital gesehen – was den Zebrastreifen betrifft, weit voraus.

Spätestens dann, wenn die Smartphone auch die Gehirne der lettischen Jugend dahingehend eliminiert haben, dass sie auch während der Benutzung des Bürgersteiges und eben der Zebrastreifen in dem Glauben verharren, wichtige Informationen mittels Smartphone in die Welt „hacken“ zu müssen und somit fast „blind“, wie ihre europäischen Altersgenossen schon jetzt, durch den Verkehr taumeln, sind die lettischen Nutzer von WhatsApp, Facebook, Twitter und Co., dann zumindest in Lettland auf dem Zebrastreifen relativ sicher.

Man kann somit nur hoffen, dass in Lettland – zumindest was das Verhalten der Autofahrer vor dem Zebrastreifen betriff – alles beim alten bleibt!

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