Erster Labor-Hamburger in England verkostet

Berlin/London (agrartotal/Rpland Krieg) - Noch nie hat das Braten eines Hamburgers so viel Medienecho hervorgerufen, wie am Montag bei Chefkoch Richard McGweon. Nur mit ein bisschen Sonnenblumenöl für ausreichende Hitze, damit sich die Poren schließen, bereitete er unter großem Medienandrang eine Fleischscheibe in der Pfanne zu, wie sie täglich millionenfach in Fast Food-Restaurants gebraten wird. Nur kann sich diesen Hamburger kaum jemand leisten, denn er kostet 250.000 britische Pfund. Entwicklungskosten.

An dem Tag, als die Grünen in Deutschland mit der Forderung nach einem Veggie-Tag in den Bundestagswahlkampf starteten, kurz nachdem die Universitäten Hohenheim und Göttingen eine stark steigende Anzahl Vegetarier in Deutschland festgestellt haben und die Bundesanstalt für Ernährung und Lebensmittel (BVL) eine erneut sinkende Netto-Fleischerzeugung in Deutschland ausgemacht hat, präsentierte der Physiologe Mark Post von der Universität Maastricht einen Hamburger aus dem Labor.

Schnitzel ohne Leiden

Bald gibt es mehr als neun Milliarden Menschen, die ihrem Speiseplan auch immer mehr Fleisch hinzufügen. Doch die Tierhaltung ist für 15 Prozent der Treibhausgase verantwortlich und beansprucht insgesamt 70 Prozent des fruchtbaren Ackerlandes. Die Themen „Schlachten“ und „Mast“ haben ihre festen Plätze in den Schlagzeilen gefunden.

Die amerikanische Weltrumbehörde NASA hatte bei ihren ersten Versuchen noch die Speisenzubereitung für Astronauten im Kopf, die sich in der Raumkapsel ihr Steak auch in der Petrischale züchten könnten. Seitdem hat sich eine Science-Community herausgebildet, die Fleisch aus Zellkulturen auf den Teller bringen will. „In zwanzig Jahren ist es soweit“, sagte Mark Post auf der Pressekonferenz in London, die weltweit live übertragen wurde und im Social Web seit gestern Mittag für ein reichhaltiges Echo sorgt.

Richard Wrangham, Anthropologe von der Universität Harvard, glaubt nicht, dass alle Menschen zu Vegetarier werden. Die Jäger, die früher ohne Beute nach Hause kamen, mussten sich wohl einiges aus ihrer Sippe anhören. Hatten sie hingegen reiche Beute gemacht, eilten alle herbei und feierten den Jagderfolg beim gemeinsamen Verzehr. Heute wird das noch beim Barbecue ritualisiert.

Öffentliches Anbraten von Fleisch aus der Kulturschale. V.l.n.r.: Chefkoch Richard McGeow, Londons ITV-Moderatorin Nina Hossain, Prof. Mark Post, Ernährungsexpertin Hanni Rützler aus Österreich und Food Journalist Josh Schonwald; Video-PK

Fleisch aus der Kulturschale, im Fachjargon Petrischale genannt, übersetzen die Wissenschaftler von „Cultured Beef“ dann auch am liebsten mit der Doppelbedeutung „Kultur“. Denn Mark Post kennt die Vorbehalte gegen „künstliches“. Er glaubt, dass eine entsprechende Vermarktungskampagne das Fleisch an die Kunden bringen kann. Sogar, dass die Menschen zu Hause zum Zellgewebe greifen und ihr Steak wachsen lassen.

Schließlich ist der Hamburger aus echten Muskelzellen, wie sie auch im Tier heranwachsen. Sie können schmerzlos entnommen werden. Rund 20.000 Zellen sind notwendig für reines Muskelfleisch in Größe eines Hamburgers. Während die Kuh dafür allerdings Futter verstoffwechseln muss, reicht für die Kulturschale ein einfaches Nährmedium. Nur farblich hat Post mit Rübensaft ein wenig nachhelfen müssen. Ein Bindemittel hält die Zellkultur zusammen. Nichts, was in in der modernen Lebensmittelproduktion ungewöhnlich ist.

Kulturfleisch ist demnach nicht nur eine Alternative für die Tierproduktion, sondern auch für die Vegetarier, die ihre Tofuwurst so echt wie möglich dem Original nachgestalten. Kulturfleisch ist echter als Tofu, aber ohne die negativen Effekte der Tierhaltung.

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